Über den Autor

Kaga Otohiko

Genyû Sôkyû
1956 geboren, promovierte über chinesische Literatur an der Keio Universität. Mit 28 Jahren wurde er buddhistischer Mönch. Sein erster Roman wurde im Jahr 2000 für den renomierten Akutagawa-Preis nominiert. Der Autor steht, zusammen mit seinem Vater, einem Zen-Tempel in der Präfektur Fukushima vor.

 

GENYÛ Sôkyû
Das Fest des Abraxas

Jônen ist ein ungewöhnlicher Zen Mönch. Während er seinen Alltag in der Tempelgemeinde des Meisters Genshu bewältigt, holt ihn seine dunkle Vergangenheit ein: eine unglückliche Liebe, Drogen, Misserfolge und ein spektakulärer Selbstmordversuch.

Jônen leidet seither unter Depressionen und schizophrenen Schüben. Seine grosse Leidenschaft gilt immer noch der Rockmusik: So sucht er sich seinen Weg zwischen der konventionellen religiösen Praxis und der Mystik von Zen und Rock.


Genyû Sôkyûs Roman zeichnet das faszinierende Bild einer japanischen Spiritualität im Wandel. Der Leser erfährt nicht nur viel über das Leben der Zen-Mönche, sondern auch über ein gegenwärtiges Japan, das an seiner Moderne leidet.



Leseprobe

Was von diesem Moment an bis zu den Ereignissen an der Meeresküste geschah, daran erinnerte er sich kaum. Gewiss war, dass er einen Zug bestieg, der in Richtung Meer fuhr, dann anschliessend in einen Bus wechselte, und dass der Bushalteplatz, an dem er ausstieg, als das Heimatdorf Noguchi Ujôs bezeichnet war. Weil Noguchi Ujô der Lyriker war, den Ami gemocht hatte, wollte er sich an dem Ort umsehen. Unversehens stand er dann auf der Kaimauer und blickte auf die Betonblöcke, die an der Küste entlang aufgereiht waren.
Er erinnerte sich daran, dass er hierher gekommen war, vertrieben aus der Stadt und verschreckt von den scharfen Blicken, die ihm die Menschen auf der Straße zugeworfen hatten. Selbst als er ein Café betrat, fixierte ihn ein junger Mann, und ihm fiel bei dieser Gelegenheit erstmalig auf, dass ihn auf dem Weg und auch am Bahnhof ein paar junge Herumtreiber der Reihe nach überwacht haben mussten. Auf dem gegenüberliegenden bogenförmigen Küstenstreifen, den er von der Kaimauer aus sah, konnte er tatsächlich ein paar junge Männer erkennen, so klein wie ein paar Bohnenkerne in der Entfernung. Sie gehörten vermutlich dem örtlichen Jugendverein an.
Aus den Scheiben des neben ihnen geparkten Autos, eines Toyota, funkelten durchdringende, böse Blicke. Jônen lauschte dem Schlagen der Wellen und wartete, bis es dunkel wurde. Als sich die Wasseroberfläche silbrig schwarz färbte, verschwand auch die Jungengruppe. Der Toyota zischte davon, hinterließ ihm die Nachricht »Wenn du dich nicht runterstürzt, vergewaltige ich deine Schwester!«